Trügerischer Gleichklang – Die Angst vor der Andersartigkeit des Partners

Vor vielen Jahren – wir waren noch ganz am Beginn unserer Beziehung – sprachen mein damaliger Freund und ich über Lebensentwürfe: In meinen Plänen war er schon eine feste Größe. Auch er konnte sich ein Leben mit mir vorstellen. Aber dann fügte er hinzu, er würde ab und zu den Wunsch verspüren, seinen Job aufzugeben und auf unbestimmte Zeit auf Wanderschaft in die Welt zu ziehen.

Ich kann mich an den Schrecken erinnern, den ich damals als junge Frau bekam: Nicht zu wissen, ob dieser freiheitsliebende Teil in ihm nicht plötzlich Oberhand bekommen und er mich eines Tages mit gepacktem Rucksack überraschen würde. Bis lange in die Beziehung hinein litt ich deshalb unter einem diffusen Unwohlsein, einer Angst vor dieser Seite in ihm.

Infolgedessen gab es so manche Auseinandersetzung, die sich um seine Autonomiewünsche drehten. Er hatte sie – und ich versuchte, sie zu bekämpfen. Ich stellte seine Loyalität zu mir und zu unserer Beziehung in Frage, unterstellte ihm Verrat. Ich kritisierte ihn und wollte, dass er Dinge anders sieht; anders macht, anders fühlt – und zwar so, wie ich das haben wollte. Ich verlangte von ihm, dass er in mein Weltbild passte. Damit ich mich sicher fühlte.

Mich bedrohten diese Seiten an ihm, die nicht zu mir wollten und die nicht sein wollten wie ich

Ich fühlte mich verlassen, weil etwas in ihm wohnte, das nicht darunter litt, dass unser Gleichklang Grenzen hatte. Damit trug er etwas in sich, über das ich keine Kontrolle hatte.

Seine Andersartigkeit verletzte mich und löste starke Verlustängste aus, die ich dadurch versuchte loszuwerden, indem ich Gleichklang erzwang. Der Druck, der sich in Folge aufbaute, wurde überall sichtbar: Weil er mich glücklich machen wollte, tat er, was ich verlangte.

Ich war kurz zufrieden, bemerkte dann aber seinen Stress, weil er Dinge in meinem Sinne tat und nicht in seinem. Dann warf ich ihm vor, dass er sich nicht „freiwillig“ verbog, dass er die Dinge nicht aus freien Stücken tat, sondern nur gezwungenermaßen, und tadelte auch noch sein Unbehagen damit.

In unserem Anderssein blieben wir uns lange fremd

Nach diesen Auseinandersetzungen vertauschten sich die Rollen: Sein Stress, verursacht durch die Enge, in die ich ihn trieb, löste erneut Verlustangst bei mir aus. Dann passte ich mich ihm an. Er entspannte sich, derweil dann ich unter dem Anpassungsdruck immer unzufriedener wurde und wieder begann, ihn zu kritisieren oder Forderungen zu stellen.

Es war wie eine Wippe, in der immer einer unten hing, während der andere sich wohl fühlte. Wechselseitig machten wir einander Vorwürfe und bemerkten weder die Sinnlosigkeit darin, noch die Tatsache, dass keiner etwas dafür kann, dass er so ist, wie er ist.

Auf meinem YouTube Kanal findest du viele weiterführende Videos zu den Themen Toxische Beziehung, Geliebte sein und Hochsensibilität.

Wie wir die Beziehung zerschießen, wenn wir uns von der Lebendigkeit des Anderen bedroht fühlen

Ich spreche hier nicht von ein paar sinnvollen Kompromissen, die man dem Partner zuliebe macht. Oder von zunehmendem Aneinander-Gewöhntsein.

Hier ist die Rede davon, dass man die natürliche Lebendigkeit und den Facettenreichtum des Mannes als beziehungsgefährdend empfindet und versucht zu unterdrücken.

Hier ist die Rede von der Verlustangst, die entsteht, wenn der Partner Freundschaften pflegt, oder wenn er Interessen nachgeht, in denen man selbst nicht vorkommt. Von dem Schrecken darüber, dass der Andere sich auch ein Leben ohne Beziehung vorstellen könnte. Von seinem Schmerz über eine frühere Trennung. Von abweichenden Ansichten und Perspektiven, die in Gesprächen oder Entscheidungssituationen zu einem Auseinanderdriften führen, bei dem man nicht weiss, ob man je eine Brücke zueinander findet.

Hier verhalten wir uns oft gemäß des Baumarkt-Slogans: Was nicht passt, wird passend gemacht. Mit kaum etwas kann man eine Beziehung so zuverlässig kaputt machen.

Erzwungener Gleichklang

Wir neigen dazu, uns Vorstellungen von unserem Partner zu machen; meinen, wir wüssten, was und wie er fühlt, wünscht und denkt, ohne diese Ideen mit seinem tatsächlichen Befinden, mit seinem Wesen abzugleichen. Meist ohne dass wir das merken, verabsolutieren wir unsere Wirklichkeit und stülpen sie dem Anderen über. Wir schaffen mehr Konsens als tatsächlich da ist, um uns in der Beziehung heimisch und sicher zu fühlen. Das erspart uns kurzfristig die Konfrontation mit der Andersartigkeit des Anderen und mit unserer Verlustangst.

So breiten wir unsere Sichtweisen über dem Partner aus und bürgern ihn in unsere Welt ein – ohne seine Zustimmung. Der Paartherapeut und Buchautor Michael Lukas Möller spricht hier von Kolonialisierung des Partners: „Ich mache meine Welt zu deinem Maßstab. Eine unbemerkte Unverschämtheit. Sie ist bei allen Paaren die tägliche Regel … Fast jeder Krach in der Beziehung ist der Kampf darum, wer wen kolonialisiert … Eine Scheinlösung ist die Unterdrückung eines Partners. Einer gibt irgendwann nach. Die Ruhe im Haus ist dann ein gärender Unfrieden.“ (Michael Lukas Möller, Die Liebe ist das Kind der Freiheit, 16. Aufl.)

Ob man selbst kolonialisiert wurde, merkt man daran, wie man sich fühlt: Nicht wahrgenommen, unverstanden, verkannt, mit Unterstellungen bombardiert. Das erzeugt enormen Stress, zerstört auf Dauer Liebe und Vertrauen und am Ende die Beziehung selbst.

Sich den Ängsten stellen

Dieses weitverbreitete Problem lässt sich jedoch lösen, indem wir das tun, was Beziehung von uns verlangt: Die Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen.

Verantwortung übernehmen heisst nicht Schuld sein; es heisst: Sich um die eigenen Gefühle kümmern. Es heisst, die Verlustangst zu zulassen, die Einsamkeit, die uns manchmal nach der ersten Verliebtheit heimsucht, bewusst zu erleben, ohne sie loswerden zu wollen. Vielleicht kommen alte Tränen und unerlöster Schmerz. Aber nur so kann das heilen! Nicht, indem man seinen Partner strammstehen lässt.

Anstatt mit ihm über so schmerzhafte Themen zu streiten und sich noch mehr voneinander zu entfernen, kann man lernen, friedlich darüber zu sprechen. Diese Probleme können; müssen ausgesprochen werden. Aber sensible Themen müssen sensibel behandelt werden.

Zunehmende Liebe, Vertrauen und Sicherheit miteinander

Wir können einem Mann im ruhigen Gespräch mitteilen, dass uns Angst macht, was er gesagt hat – ohne die Forderung nach Änderung zu stellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er darauf entgegenkommend und liebevoll reagiert, ist umso höher, je mehr er merkt, dass wir aufrichtig sind, aber auch respektvoll mit seinen Belangen umgehen. Wenn ein Mann sich von seiner Partnerin so in seiner Art anerkannt fühlt, wird sich seine fürsorgliche Seite darum kümmern, dass sich seine Partnerin bei ihm sicher fühlt!

Genau an dieser Stelle sind Männer bereit, einen sehr hohen Einsatz zu leisten. All dies ist für uns erreichbar, wenn wir erkannt haben, dass wir anders mit unseren Gefühlen und unserem Partner umgehen müssen.

PS: Was damals ich vor lauter Verlustangst nicht sah: Die liebenswerte Verträumtheit meines Freundes, sein Mut, sich von jedem Konformismus zu lösen, seine große emotionale und geistige Flexibilität, die in seinen Autonomiewünschen zum Ausdruck kamen. Er hatte seine Träume mit mir geteilt, weil er mir vertrauen wollte. Er wollte, dass ich ihn kennenlerne, wie er wirklich ist. All das erkannte ich erst viel später. Auch, dass er mir all jene Fähigkeiten zur Verfügung stellte, um mich glücklich zu machen.

Fotos:

Ulrike Steinbrenner / photocase.de

Tanja Grundmann

Beitragsbild:

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Tanja Grundmann

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2 Antworten

  1. Liebe Tanja,
    Eine wirklich wunderbar, auf den Punkt gebrachte Seite. Ich finde mich, leider, in viel zu vielen Punkten wieder. Es hat mich krank gemacht, jetzt hoffe ich mit Hilfe einer Schematherapie meinen (!!) Mustern und Kompensationen auf den Grund zu gehen.

    Vielen Dank und liebe Grüsse!!!!

    1. Was auch immer Schematherapie ist, aber möge sie dir aus den Bredouillen heraushelfen! Aber Spass beiseite, wenn du das angehst, wirst du das auch lösen – so oder so! Liebe Grüße 🙂

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