Muss ich verzeihen, um frei zu sein?

toxische scham

Seit ein paar Jahren wird überall das Vergeben und Verzeihen propagiert und gelehrt. Man müsse vergeben, dürfe keinen Groll hegen, weil der mich und nicht den anderen vergifte; weil er mich in der sogenannten Opferrolle festhalte und mich an meiner Weiterentwicklung hindere. Jeder, der sich damit schonmal länger beschäftigt hat weiss, dass das Vergeben so aber irgendwie nicht funktioniert.

Wir alle sind verletzt worden und wir alle kennen das Phänomen, dass wir in Intervallen, zyklisch darunter leiden: nämlich wenn sich ein Verletzungsmuster wiederholt oder wenn sich die nächste Stufe der Weiterentwicklung ankündigt.

Reifung geschieht in Schüben. Unsere Geschichte und unsere Konditionierungen tragen sich schichtweise ab und das tun sie ganz offensichtlich in einer eigenen Entwicklungsdynamik, die sich wenig darum schert, ob man „radikal vergeben“ hat oder nicht.

Die Enttäuschung über die Wirkungslosigkeit der Maßnahme kann mit der Zeit das Vertrauen in die Fähigkeit auszuheilen, unterwandern.

Was heisst denn eigentlich Verzeihen/Vergeben?

Fragt man Menschen, was sie darunter verstehen, wird schon klar, dass diese Begriffe mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt sind: keinen Groll hegen, Wut loslassen, dem Peiniger zeigen, dass mein Leben weitergeht und dass es mir gut geht, denken, der Peiniger habe meine Tränen nicht verdient; den Peiniger und seine/ihre Lage verstehen, Rachegefühle loslassen….und und und. Mal sind die Antworten von Bitterkeit erfüllt; mal mit der Sehnsucht nach innerem Frieden, mal mit unbewussten Schuldgefühlen.

Eigentlich geht es aber ja darum, ballastfreier weiter gehen zu können; so, dass uns unsere Geschichte und die Konditionierungen nicht mehr weiter im Weg stehen. Man ist nicht mehr böse auf den Peiniger und hat keine aufgestauten und gespeicherten Emotionen mehr im Körper. Aber: kann eine Denkfigur wie: „ich verzeihe“ das wirklich leisten?

Hier werden Werkzeug und Ergebnis miteinander vertauscht. Verzeihen ist kein Werkzeug mit dem man sich helfen kann, sondern es wird zum natürlichen Ergebnis einer Entwicklung..

Und diese Entwicklung kann man zum Glück nicht „schwänzen“ weil man sonst keine Chance hätte, den Ballast los zu werden.

Eigentlich kann man nicht verzeihen; entweder man ist noch böse auf den Peiniger, oder man ist es nicht, oder man ist es ab und zu.

Wir alle kennen das: man denkt man habe verziehen und plötzlich, bei irgendeinem Anlass kommen der Zorn oder die Traurigkeit zurück und man fragt sich, wo der Friede hin ist, oder das Gefühl, demjenigen nicht mehr böse zu sein.

Eines der Hauptmerkmale seelischer Verletzungen aller Art ist, dass wir die Verletzung im Moment selbst meist wenig oder garnicht bemerken. Unser Problem ist es doch viele Jahre, dass wir überhaupt erstmal ins Fühlen kommen müssen. Und zwar bitteschön ohne mahnende Zensur, die einem – kaum beginnt man seinen Schmerz zu fühlen – suggeriert, dass diese Empfindungen einem Schaden zufügen, wenn man sie hat oder zu lange hat. Lasse Deine Wut los, heisst es dann, sonst vergiftest Du Dich damit selbst. „Du schadest Dir und nicht dem Peiniger“ heisst es weiter; das seien sogenannte negative Gefühle, die man schnell annehmen und akzeptieren müsse um sie dann loszulassen und zu vergeben.

Man stellt sich selbst auf diese Weise die Bedingung: akzeptiere Deine Wut …… drei, zwei, eins ….. Zack, und jetzt muss sie verschwinden.

Wer solche Bedingungen an sich selbst stellt und an die Gefühle eines verletzten Kindes oder auch Erwachsenen, der wird sich noch eine Weile im Kreis drehen. Wenn man sich selbst mit irgendwas vergiften kann, dann mit der Weigerung, verdrängte Gefühle zuzulassen. Alter Hut.

Auf meinem YouTube Kanal findest du viele weiterführende Videos zu den Themen Toxische Beziehung, Geliebte sein und Hochsensibilität.

Was ist also die Lösung?

Die Lösung hat immer damit zu tun, dass man sich selbst erlaubt zu fühlen, was man fühlen muss oder will. Und zwar solange was-auch-immer tobt.

Die Lösung hat immer damit zu tun, dass man ehrlich zu sich selbst ist: bin ich sauer? Ja? OK. Bin ich heute auch sauer? Ja. OK.

Die Lösung hat immer damit zu tun, dass ich mir selbst keine Bedingungen stelle, ab wann ich alles richtig gemacht habe und endlich mit mir zufrieden sein darf.

Und sie hat sicher nichts damit zu tun, dass ich dem kleinen Jungen oder Mädchen in meinem Inneren in den Rücken falle und mich durch erzwungenes Vergeben mit dem Menschen verbünde, der mich einst verletzt, verlassen oder mißbraucht hat. Wir verbünden uns bei erzwungenem Vergeben mit dem Peiniger gegen uns selbst; nichts anderes haben sie uns beigebracht.

Gar nichts muss man; man kommt weiter und wird glücklicher, wenn man ehrlich zu sich selbst ist und total hinter sich selbst steht. Die Empfindungen von Zorn, Groll oder Trauer sind nur dann ein Problem, wenn sie wieder und weiter unterdrückt, unter Kontrolle gehalten oder von uns zensiert werden.

Lege Dich hin, wenn der emotionale Druck steigt. Schliesse die Augen und fühle wo der Zorn in deinem Körper sitzt. Klopft das Herz? Drückt es in der Magengegend? Hast Du einen Kloss im Hals? Schaue. Versuche nicht das Gefühl loszuwerden, sondern sei bei ihm und sorge dafür dass dieses Gefühl ein wunderbares zu Hause bei Dir findet. Bleib bei Dir; ohne Bedingungen zu stellen. Das Letzte was Du brauchen kannst, ist dass Du wieder in die Verdrängung gehen sollst und NEIN zu Dir selbst sagst. Wenn Du verletzt worden bist, dann sei solange zornig, wie es braucht. Die Dauer liegt ohnehin nicht in Deiner Hand. Wohl aber Deine Solidarität zu Dir selbst. Weine mit Dir, wüte mit Dir und habe absolute Empathie mit Dir selbst.

Gehe mit Dir so um, wie mit einem 5-Jährigen Kind, das verlassen worden ist. Ihm sagt man auch nicht: jetzt ist aber genug geheult; jetzt wird verziehen.

Du kannst nur frei werden, wenn Du ehrlich zu Dir selber bist und nicht, wenn Du Dich zu etwas zwingst was noch nicht an der Reihe ist.

Dein Wohl hängt nicht davon ab, wie schnell Du verzeihst, sondern, wie großzügig Du mit Dir selbst bist.

Also erlaube Dir großzügig zu fühlen, was Du möchtest oder musst.

Sei nicht überrascht, wenn angstvolle Gedanken kommen: Du gehst über alte Begrenzungen drüber und lernst jetzt die Gedankenformationen kennen, die Du mit dem Unterdrücken Deiner Gefühle unter Kontrolle gehalten hast. Viel der sogenannten Vergebungsarbeit ist nichts anderes als ein weiteres Werkzeug, um das Kind in uns zum Schweigen zu bringen. Und deshalb geht das auch so leicht und fühlt sich erstmal richtig an: wir kennen fast nichts anderes.

Lasse Deine Gefühle zu; mit Dir bei Dir in Dir. Sei Raum für das was da ist.

Und warte.

Eines Tages legt sich der Sturm von selbst und Du hast alles an Reifung von ihm bekommen, was er Dir zu geben hat. Das Verzeihen hat sich dann von selbst erledigt; was natürlicherweise übrig bleibt ist Frieden; er war unter den unterdrückten Gefühlen. Wir können den Frieden nicht erzwingen, sondern wir müssen uns erst unseren Gefühlen stellen. Und das heisst: sie aushalten.

Das ist Liebe. Da fängt sie an.

© Tanja Grundmann

Foto:

kemai / photocase.de

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Tanja Grundmann

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5 Antworten

  1. Ich bin immer froh, wenn ich mal kritische Gedanken zum Thema „Verzeihen“ lesen darf. Selten genug kommt das ja vor. Ich habe es versucht mit der Vergebung. Und ich habe keine guten Erfahrungen damit gemacht. Durch Vergebung kann man auch Wiederholungstaten provozieren. Dank der Vergebung hat die Tat gar keine negativen Konsequenzen für den Täter. Da ist das Risiko gross, dass er seine Tat wiederholt. Ist mir passiert. Auch aus der Sicht des Opfers, also von meiner Seite her, fühlt sich die Vergebung falsch an. Ich soll also so tun, als wäre nichts passiert. Und wieder lieb und lustig zum Täter sein. Ich versuchte das, weil ich den Heilsversprechen glaubte, die der Vergebung nachgesagt wurde. Wie gesagt, nicht mit positivem Ergebnis.

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